seniorbook
Körperbehaarung oder glatt rasiert?

Geschichte & Tradition


  • Drucken
  • Auf anderen Plattformen teilen
  • Lesenswert
    8

Masematte rakawelen: Hamel Jontef beim Kneistern

Masematte rakawelen:  Hamel Jontef beim Kneistern

Mehr zum Thema

„Tofter Tokus" bemerkt anerkennend eine ältere Passantin angesichts der rückwärtigen Partie Ekki Tahlkötters. Szene und Zitat entstammen einer Folge der beliebten TV-Krimi-Serie Wilsberg. Verstanden haben sie wohl nur Münsteraner. Und auch nur jene Münsteraner, die sich mit Masematte auskennen. Das ZDF ließ jedenfalls Millionen von Zuschauern in der „Meimelatur" stehen. Und auch an dieser Stelle wird dem geneigten Leser erst später „verklickert", was das wohl zu bedeuten hat . . .

Geheimsprache für Eingeweihte

Masematte ist eine münstersche Geheimsprache mit einem jiddischen, westfälischen, auf gewisse Schichten abgestimmten Wortschatz, dem Rotwelschen ähnlich und ständig vom Aussterben bedroht, wenn sich nicht Kümmerer, ja Patrioten der letzten Spuren einer früher gepflegten Umgangssprache annehmen würden.

Es war die Sprache der kleinen Leute, der Handwerker, Viehhändler, bevorzugt von männlichen Bewohnern bestimmter Stadtviertel, die mit ihrer Sprache in ihren täglichen Geschäften der Aufmerksamkeit der Obrigkeit entgehen konnten. Im Kuhviertel, in Pluggendorf, Herz-Jesu (Klein-Muffi) oder auf der Sonnenstraße wurde nicht mit ein, zwei, drei, vier, fünf Mark bezahlt, sondern mit „olf, bes, kimmel, dollar, hei Schuck beribbelt". Dort ging man nicht zum Schlachter sondern zum „Katzow", die Menschen sprachen von „Alsche" und Koten" und nicht von Mutter und Kindern.

Von den Nazis verfolgt, von Patrioten gefeiert

Kein Wunder, dass Kommunikation, die sich der Kontrolle entzog, auf Widerstand autoritärer Systeme stößt. Unter den Nazis sahen sich Masematte-Sprecher verfolgt wie Juden und Roma. Nach Krieg und Bombardierung der münsterschen Innenstadt mit ihren alten Wohnvierteln war dieser Sprach- und Lebenskultur die Basis entzogen. In Zeiten des Wiederaufbaus wurden andere Prioritäten gesetzt. Masematte verlor sich in einzelnen Sprachsprengel, von denen die Öffentlichkeit keine Notiz nahm.

Das änderte sich erst wieder in den 70er Jahren. Die münstersche Szene entdeckte die Masematte. Studenten bestellten in der „Piesel" beim „Kower" eine „Lowine". Vorm „Jovel" wartete der „Freier" auf seine „Kaline" und fragte ungeduldig „was schmust der Osnik?". Die Wissenschaft nahm sich der Sache an. Archive entstanden. Wörterbücher erschienen. Vergleiche zu anderen Geheimsprachen wurden gezogen, die letzten wahrhaftigen Sprecher gesucht und gepflegt. Und die örtlichen Zeitungen veröffentlichten Lokalspitzen in Masematte.

Die rasende Entwicklung Münsters zu d e r  deutschen Fahrradstadt ist so untrennbar verbunden mit dem Begriff „Leeze", dass Fremdenwerbung und Stadtmarketing damit schon inflationär umgehen. Neue Wortschöpfungen wurden geboren – wie „Tackoachilekabache (Schnell-Imbiss-Bude). Einzelne Bezeichnungen haben die Grenzen der Provinzialhauptstadt Münster längst hinter sich gelassen: Malochen oder Heiermann sind inzwischen bundesrepublikanisch vereinnahmt geworden.

Mehr als ein tofter Tokus

Jenseits dieser schon weit verbreiteten Wortschöpfungen aber ist es inzwischen wieder ruhig geworden. Die Aufbruchstimmung ist einer Verwaltungsmentalität gewichen. Authentische Sprecher der Masematte werden immer weniger. Was im Alltag nicht gebräuchlich, bleibt Rarität. Die aber hält sich nachdrücklich. Sogar in der Fremde. Wenn draußen in der Welt zwei Münsteraner ihre gemeinsame Herkunft entdecken, kann es schon mal zu so fremd klingenden Zwiegesprächen kommen wie „Auf welcher Strehle in Kotenbeis gepöhlt? Auf'm Schock stikum gequarzt. Schaller Müller am Paulinum gehabt?

Aber nun soll auch „verklickert" (erklärt) werden, was es mit der Wilsberg-Szene (Ekki Thalkötter alias Oliver Korritke) auf sich hat. Also, Tokus ist der Hintern, und toft kann man sich ja wohl denken.

Hamel Jontef noch!

Glossar:

  • Rakawelen – sprechen.
  • Kneistern – sehen.
  • Meimelatur – Regen.
  • Piesel – Kneipe.
  • Kower – Wirt.
  • Lowine – Bier.
  • Freier – Kerl.
  • Kaline – Mädchen.
  • Was schmust der Osnik – Was zeigt die Uhr.
  • Strehle – Straße.
  • Kotenbeis – Kinderhaus (Münsterscher Stadtteil).
  • Schock – Kirmes.
  • Stikum gequarst – heimlich geraucht.
  • Schaller – Lehrer.
  • Hamel Jontef – viel Spaß.

Bild: Das Antiquariat Solder bzw. Wilsberg in der Krimiserie "Wilsberg" in Münster, Westfalen; CC-BY-SA 2.5

seniorbook lesen ist gut, aktiv mitmachen noch besser.
Jetzt registrieren und alle Vorzüge von seniorbook nutzen!
Jetzt ausprobieren

  • Drucken
  • Auf anderen Plattformen teilen
  • Lesenswert
    8

6 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

"Malochen" und "verklickern" sind haben sogar den "weiten Weg" bis ins Bergische Land geschafft, als Student ein Stück münsteraner Geschichte entdeckt, dass man auf anderem Wege kaum findet.

Danke!

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

@Cati: Seegers oder Steegers?

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

Hmmm... Bin nicht die ganz waschechte Münsteranerin. Tippe aber auf sowas wie Hacho oder Seegers.

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Ina Gesellensetter

Schön!! Danke!!! Möchte gelegentlich noch mehr Nachhilfe! Was heißt Kumpel auf Masematte???

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

Die vielen Leezen sind die eine Sache - aber mit dem Wuddi will man in Münster echt nicht unterwegs sein!

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Rocket Fuel